LVZ Heiterblick: Wie ich die Impfgegnerin überzeugte

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Guten Abend, Leipzig!

Und wie schön, dass Du ab sofort Heiterblick liest. Alle zwei Wochen schicke ich Dir eine Mail, die von den Menschen, Orten und der Stimmung in Leipzig und dem Osten erzählt.
Was ist Heiterblick?

Eigentlich ein Leipziger Stadtteil, da oben im Nordosten. Dieser Newsletter handelt nicht von dem Stadtteil, er ist ein Leipzig-Newsletter. Aber ich möchte den Namen des Stadtteils neu beleben, daher borge ich ihn mir. Natürlich nicht, ohne vorher einmal nach Heiterblick gefahren zu sein – und seinen idyllischen Müllberg erklommen zu haben.
Jede Heiterblick-Ausgabe beginnt mit einer persönlichen Beobachtung. Diesmal: Wie ich mit Impfgegnern im Freundeskreis umging.
Eigentlich versuche ich gerade, mit Freunden weniger über Corona zu reden. Natürlich scheitere ich immer wieder daran. Neulich sagte ich zu einer Freundin: “Wenn 2G gilt und sich ein Ungeimpfter Essen zum Mitnehmen holen will, darf der dann eigentlich kurz rein, um zu bestellen…?” Dann fiel mir es mir wieder ein. Achja, nicht über Corona reden. Weil es mich nervte, dass zu viele Gespräche nur noch darum kreisen, wie man nun diese oder jene Regel findet. Was es da nicht alles für verrückte Regeln gibt. Aber das Gespräch über die Regeln ist so banal, man muss sich nicht gut kennen, es ist der unpersönlichste Small Talk der Welt, der auch nirgends wirklich hinführt. Mit Freunden fühlt es sich an wie vergeudete Zeit. Wie viele schöne Abende versanken schon im Corona-Bla-Bla. Ich fand das frustrierend. Muss das sein? Mittlerweile denke ich: Ja, irgendwie doch. Reden hilft ja in belastenden Situationen. Der nächste Lockdown ist immer der schwerste. Die Regeln durchzugehen (und sich über ein paar lustig zu machen), das kann heilsam sein. Aber ich vermute noch einen zweiten, wichtigeren Grund, ich nenne ihn: Das Abchecken von Toleranzgrenzen.
In den letzten Wochen kursierten in meinem Umfeld solche Fragen: Trägst du echt immer FFP-2 im Nahverkehr? Setzt du zum aufs Klo gehen immer die Maske auf? Es geht noch krasser: Hast du schon mal einem ungeimpften Freund dein Handy gegeben, damit er mit deinem Impfpass mit ins Café kann? Ja, das ist vorgekommen. Mit solchen Fragen kann man sich der gegenseitigen Freundschaft versichern. Man vertraut sich dem anderen an. Und dann? Ich sehe es so: Wer trotz hoher Inzidenz auf einer Küchenparty eng getanzt hat, weil das gegen die Einsamkeit hilft, verdient Verständnis. Wer andauernd ohne Maske herumläuft, dem muss man aber vielleicht eine Ansage machen.
Interessant wird es bei Ungeimpften. Viele sagen, man müsste ihnen jetzt ins Gewissen reden. Es gibt sogar Anleitungen dafür. Ich sehe das anders. In meinem Freundeskreis gab es eine Ungeimpfte. Wir haben sie nie verurteilt oder versucht zu überreden. Aber wir sind im Gespräch geblieben. Eigentlich war es nur Corona-Bla-Bla, aber in Wahrheit hat sie unsere Toleranzgrenzen abgecheckt. Wir haben zugehört und manchmal Ansagen gemacht. Mittlerweile ist sie geimpft. Wegen der Arbeit, sagt sie. Ich glaube, weil wir ihr weiter zugehört haben. Vielleicht, glaube ich, bin ich doch wieder für mehr Corona-Bla-Bla zu haben.
Was machen Sie da?

Links ich, rechts der afghanische Ex-Minister. Foto: Leon Joshua Dreischulte
Links ich, rechts der afghanische Ex-Minister. Foto: Leon Joshua Dreischulte
In seiner Wohnung auf der Leipziger Eisenbahnstraße nimmt Syed Sadaat an einem Online-Panel des Europäischen Parlaments teil. Der 51-Jährige war bis 2018 Minister in Afghanistan. Bevor die Taliban Kabul einnahm, flüchtete er nach Leipzig und begann hier für Lieferando zu jobben. Im September schrieb ich seine Geschichte in der LVZ auf, viele andere Medien griffen sie auf. Mittlerweile ist Sadaat ein gefragter Speaker und verdient damit auch Geld. Neulich habe ich ihn getroffen, um eine Story über sein neues Leben zu schreiben. Demnächst wollen wir wieder einen Kaffee trinken. Letztes Wochenende konnte er nicht. “Da bin ich auf einer Konferenz in Paris”, sagte er.
Wo trifft Leipzig sich gerade?

Das Café Grato in der Münzgasse
Das Café Grato in der Münzgasse
Seit einigen Wochen reden immer mehr Menschen in Leipzig von einem besonderen Ort in der Münzgasse. Manche verlängern sogar ihre Mittagspause, um ein bisschen dort zu sein. Der Grund ist das neue Café Grato. Warum trifft man sich hier jetzt? Zum einen, weil Cafés gerade hoch im Kurs stehen. Man besucht sie ja vor 20 Uhr, also vor der sächsischen Gastro-Sperrstunde. Vielleicht sind Cafés sogar die letzten geöffneten Orte, die keinen eindeutigen Zweck erfüllen. Das Café Grato passt aber auch sonst super in unsere Zeit: Die schmalen Hocker sind einen Tick zu unbequem, um länger als, sagen wir, eine Stunde zu bleiben. Überhaupt wirkt der edle Raum ein wenig so, als würden Menschen hier eher das Gesamtbild stören. Ich meine das überhaupt nicht negativ, ich finde es pandemisch gesehen sehr klug, dass man hier nur mal kurz vorbeischaut. Im Grato gibt es sogar einen Mittagstisch, viele Kuchen, Franzbrötchen, Suppen, Pastrami-Sandwiches. Nur nicht am Samstag, da ist Ruhetag. Eine besonders gute Idee des Cafés sind übrigens die mit Holzlatten verkleideten Wände, die nicht nur den Raum größer erscheinen lassen, sondern auch die Akustik auffangen.
Café Grato, Münzgasse 18, geöffnet von 8 bis 18 Uhr, außer samstags. Instagram: @gratoleipzig
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Wortmeldungen: Leipzig, Sachsen, der Osten

Unerschütterlich: Die hundertjährige Dr. Lotte Schlegel
Unerschütterlich: Die hundertjährige Dr. Lotte Schlegel
„Ich habe nie daran gedacht, mal so alt zu werden. Ich habe gesund gelebt, aber auch immer mal ein Gläschen getrunken. Und dann bin ich einfach so 100 geworden.“
Prof. Dr. Lotte Schlegel, Ex-Leiterin der Leipziger Geburtsmedizin, die gerade 100 wurde, auf die Frage wie man so alt wird.
„Er muss ja den Eindruck gewinnen, er mache Politik gegen die Hälfte seiner Bevölkerung. Gleichzeitig versucht er alles, um diese Bevölkerung zu schützen. So kommt er in die Situation eines Helden im klassischen Drama. Ich habe viel Mitgefühl für seine gleichsam tragische Situation.“ 
– Philosoph Richard David Precht über Ministerpräsident Michael Kretschmer in der ZEIT.
„wenn die ddr noch da wäre, würde sie der brd zeigen wie man mit einer pandemie umgeht.. auferstanden aus ruinen erschallt jeden morgen um sieben aus allen lautsprechern der stadt .. abends zur letzten impfung dann nochmal.. und alle kriegen statt qr code einen geilen orden.“ 
– @carlos_walross auf Twitter.
„Ich finde, antifaschistische Kämpfe kämpft man nicht auf dem Rücken derer, die vom Faschismus und kapitalistischer Unterdrückung am stärksten betroffen sind.“
– Leipziger Moderatorin und Aktivistin Helen Fares auf Instagram nachdem aus einer linksradikalen Demo im Leipziger Osten eine Moschee angegriffen wurde.
„Ich vertraue dir.“
– Barkeeperin im Leipziger Westen auf die Frage, ob sie mein Impfzertifikat sehen will.
Zuletzt hat mich interessiert

Genauso lange wie die Impfung selbst, gibt es die düsteren Voraussagen der Impfgegner. “Im September sind alle Geimpften tot”, hieß es beispielsweise im August in vielen Telegram-Gruppen. Wer in Sachsen, dem Bundesland mit den meisten Impfgegnern, auf dem neuesten Stand bleiben will, für den gibt es jetzt eine Website – große Empfehlung! – mit einem hervorragenden Service: Sie sammelt düstere Prophezeiungen und kontrolliert, ob sie eintreffen. Kürzlich wurde der Deutsche Reporter:innen-Preis verliehen. Vorher wurden, wie immer, die nominierten Texte veröffentlicht. Lauter tolle Artikel, die sonst hinter Paywalls stehen – noch immer frei zu lesen. Einer hat mir besonders gut gefallen, auch wenn er nicht gewonnen hat: Eine leise Reportage aus dem Gesundheitsamt im thüringischen Saalfeld. Neulich war es wieder so weit, Sachsen hat es in die New York Times geschafft. Das letzte Mal war das so als Leipzig zu einem der Must-see-places des Jahres 2020 gewählt wurde. Diesmal ist es eher zweifelhafter Ruhm, es geht um die Stadt Annaberg-Buchholz im Erzgebirge, die NYT-Reporterin vermutet dort “Europe’s Covid Culture War”. Ich will nicht verschweigen, dass ich kürzlich selbst dort war, um einen Barkeeper zu treffen, der damals konsequent auch ungeimpfte Gäste bediente. In der ZEIT im Osten hat mein famoser Kollege August Modersohn einen Text veröffentlicht, für den er geschafft hat, was noch keinem Reporter vor ihm gelang: Er durfte exklusiv in Elon Musks neuer Tesla-Fabrik in Brandenburg herumlaufen. Ein, wie er es schildert, bizarres Erlebnis. Im Deutschlandfunk habe ich ein Feature über einen Leipziger Freundeskreis gehört, der zu Wendezeiten drei Häuser besetzte. Jetzt erzählen die Freunde, was aus ihnen – und den Häusern wurde. Zuletzt noch eine Empfehlung für den Text von Thomas Mielke, Lokalchef der Sächsischen Zeitung in Zittau, der seinen Pandemie-Kommentar mit diesem Satz beginnt: “Ich weiß nicht, ob ich dem Druck am Anfang meines Berufslebens als Journalist standgehalten hätte.” Der Rest des Textes geht unter die Haut.
Vielen Dank fürs Lesen des ersten Heiterblicks!
Für Meinungen, Kritik und Anregungen kannst Du einfach auf diese Mail antworten, Du landest dann direkt in meinem Email-Postfach – ich würde mich sehr freuen.
In jedem Fall: Alles Gute und bis in zwei Wochen,
Dein Josa
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