Profil anzeigen

LVZ Heiterblick #9: Der freiheitsfeindliche Bratwurststand

Partner Im RedaktionsNetzwerk Deutschland
Partner Im RedaktionsNetzwerk Deutschland
Heiterblick - der LVZ-NewsletterHeiterblick - der LVZ-Newsletter
Heiterblick - der LVZ-Newsletter
Guten Abend, Leipzig!

Mein Lieblingsbäcker muss sich wohl radikalisiert haben. Denn eigentlich gibt es seit Sonntag keine Maskenpflicht mehr. Und trotzdem hing nun in der Glastür des Bäckers folgendes Schild: „Wir empfehlen das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes.“
Das mit der Radikalisierung war ein Scherz. Natürlich sollte es völlig egal sein, welche Geschäfte sich weiterhin eine maskierte Kundschaft wünschen – und welche nicht. 
Schließlich wünscht sich auch der Opernintendant, dass sein Publikum nicht in irgendeiner Jogginghose ankommt. Und der Wirt einer Nichtraucherkneipe hofft, dass sich bei ihm niemand eine Zigarette ansteckt.
Trotzdem gibt es Menschen, die das Maske-Tragen, seit es nicht mehr Pflicht ist, jetzt wieder als politisches Statement auffassen. (Oder das Nichttragen, je nach dem wen man fragt.)
Ein Beispiel: Auf Twitter schrieb jemand, man könne jetzt nicht mehr zu dem einen Bäcker gehen (der nämlich keine Masken mehr verlangt), sondern nur noch zu dem anderen (der weiterhin Masken verlangt). Als wäre es unerhört, sich nach der neuesten Schutzverordnung zu richten. Jemand kommentierte, das sei ja kein Problem, schließlich schmecken die Pfannkuchen bei dem Masken-Bäcker ohnehin besser. 
Derweil regen sich andere über Läden auf, in denen weiterhin Maskenpflicht gilt – mit Verweis auf das Hausrecht. Sie gingen dort nicht mehr hin. Sehen sie einen Bekannten mit Maske, fragen sie: “Warum trägst du jetzt Maske?”
Für Menschen, die so oder so denken, muss sich die Leipziger Fußgängerzone inzwischen wie ein Schlachtfeld um die richtige politische Meinung anfühlen. Da drüben die freiheitsfeindliche Drogerie, die weiterhin um Masken bittet. Dort hinten der irrsinnige Buchladen, der Masken abgeschworen hat. Je nach dem, auf welcher Seite man steht, geht man nur noch in ausgewählten Läden einkaufen.
Vielleicht begegnen sich Menschen mit und Menschen ohne Maske bald gar nicht mehr. Wäre damit etwas gewonnen?
Ich bin mal von der Grimmaischen Straße in Richtung LVZ spaziert und habe nachgesehen, wer weiterhin Masken verlangt und ob da eventuell ein Muster zu erkennen ist. Hier mein Ergebnis:
  • Deichmann nein,
  • Douglas nein,
  • Zara nein,
  • Hirmer ja,
  • Seemann Frisöre ja,
  • Thalia nein,
  • der Thüringer-Rostbratwurst-Stand vor Thalia ja,
  • Stadtbibliothek nein. 
Ist das jetzt so: Der Bratwurststand vor Thalia soll ein radikaler Freiheitsgegner sein? Und hat sich, laut der anderen Seite, die gute alte Stadtbibliothek nun den leichtsinnigen Maskenfeinden angeschlossen?
Vermutlich ist es doch einfach so: Die einen machen es so, die anderen so. Aber nicht jeder Zettel im Schaufenster ist ein politisches Symbol. Wer sich weiterhin schützen will, darf das ja tun, fertig.
In Japan tragen die Menschen schon seit über Hundert Jahren Mund-Nasen-Schutz. Sie tun das nicht, um ihre politische Zugehörigkeit zu markieren, sondern wenn sie krank sind, um niemanden anzustecken. Oder, habe ich mir sagen lassen, um einer Pollenallergie vorzubeugen.
Auch in Leipzig beginnt jetzt wieder die Pollenzeit. Wer bei mir zu Hause zu Besuch ist und allergisch ist, darf deswegen gern die ganze Zeit e ine Maske tragen. Oder nicht. Geraucht wird aber bitte am offenen Fenster.
Um Maske wird seit Sonntag nur noch gebeten, die Pflicht ist weg.
Um Maske wird seit Sonntag nur noch gebeten, die Pflicht ist weg.
Wo trifft Leipzig sich gerade?

Schnell ans Buffet: Früh um sieben gibt es hier Bauarbeiterfrühstück.
Schnell ans Buffet: Früh um sieben gibt es hier Bauarbeiterfrühstück.
Das Schnellbuffet Süd ist eine gesellschaftliche Utopie. Hier isst der Bauarbeiter neben der Studentin, der Kunsthistoriker neben der Frisörin. Alle beieinander wie einst im klassenübergreifenden DDR-Plattenbau. So schön wie die Zusammensetzung der Gäste ist auch die Karte, auf der steht nämlich echtes DDR-Food: Hier wird Eisbeinsülze mit Bratkartoffeln und Remoulade für 7,40 Euro serviert. Oder Vogtländische Schwammespalken für 4,40 Euro. Letzteres ist eine Waldpilzsuppe. Dazu gibt es frischgezapftes Bier. An Frühlingsabenden sitzt es sich hier besonders schön, weil dank der Baulücke gegenüber die Sonne noch besonders lang auf den Freisitz scheint.
Schnellbuffet Süd in der Karl-Liebknecht-Straße 139, 04275 Leipzig. Geöffnet Mo - Fr von 7:00 Uhr bis 22:00 Uhr. Samstags von 11:00 Uhr bis 18:00 Uhr.
Fünf Empfehlungen aus LVZ+

Ein afghanischer Minister wird zum Pizzaboten in Leipzig. Wie kam es dazu? - LVZ Unsere Story | Podcast on Spotify
Krieg in der Ukraine: Zeitzeugen aus Leipzig erinnern an den Zweiten Weltkrieg
Gil Ofarim: Hat er gelogen? Die große Wende im Fall
„Freie Sachsen“ oder AfD – der Kampf um den rechten Rand in Sachsen
Weit weg vom Krieg: Darum verzücken drei ukrainische Profi-Musiker Leipzigs Fußgängerzone
Wortmeldungen: Leipzig, Sachsen, der Osten

Volksverpetzer
Mann aus Sachsen hat sich offenbar ohne gesundheitliche Probleme 87-mal gegen Corona impfen lassen, um gefälschte Impfzertifikate an Impfgegner zu verkaufen, die Angst haben, dass ihnen auch nur eine Impfung schadet. Der wandelnde Gegenbeweis stand direkt vor ihnen!🤦‍♂️
Die ganze Geschichte über den Mann gibt es hier (€).
„Wir hatten bei dem schönen Wetter einfach Lust draußen zu spielen und sind spontan in den Zug gestiegen und nach Leipzig gefahren.“
Felix Kummer zur Frage wie es zu dem spontanen Kraftklub-Gig auf der Karl-Heine-Straße kam.
„Alle wollen Frieden, nur Putin nicht – dieser Ochse!“
Der 92-jährige Leipziger Werner Beinert, der als 15-Jähriger in amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten war.
Zuletzt hat mich interessiert

Das funk-Format STRG_F hat einen Doku über Menschenhandel gemacht: Junge Vietnamesinnen werden über Polen nach Deutschland gebracht – und arbeiten dann zum Teil auch in Leipzig. Wie das System funktioniert, erklärt der sehr gute Film “Sklaverei im Nagelstudio: wie schlimm ist es?
Martin Meißner ist Stadtrat und inzwischen einer von Leipzigs wichtigsten Influencern. Auf seinem Tiktok-Kanal kann man ihn bei seiner Lieblingsbeschäftigung beobachten – beim Hater dissen. Sein schönstes Video ist aber das von einem ganz besonders dekorierten Balkon gegenüber der Leipziger Sternburg-Brauerei.
Meine neue Lieblingsapp heißt BeReal, sie funktioniert ganz einfach: Einmal am Tag fordert die App all ihre Nutzerinnen und Nutzer auf, ein Foto zu machen und zu posten. Nix also mit säuberlich ausgewählten Highlights wie auf Instagram. Dafür blanke Realität. Wenn so doch nur das ganze Internet wäre.
Vielen Dank fürs Lesen und bis in zwei Wochen,
Dein Josa
Was ist Heiterblick?

Eigentlich ein Leipziger Stadtteil, da oben im Nordosten. Dieser Newsletter handelt nicht von dem Stadtteil, er ist ein Leipzig-Newsletter. Aber ich möchte den Namen des Stadtteils neu beleben, daher borge ich ihn mir. Natürlich nicht, ohne vorher einmal nach Heiterblick gefahren zu sein – und seinen idyllischen Müllberg erklommen zu haben.
Hat Dir diese Ausgabe gefallen?
Teilen Sie diesen Newsletter:
Wenn Sie diesen Newsletter nicht mehr empfangen wollen, können Sie ihn hier abbestellen.
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde, können Sie ihn hier abonnieren.