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LVZ Heiterblick #8: Warum die Querdenker jetzt Putin lieben

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Guten Abend, Leipzig!

Vergangenen Montag in Leipzig. Viele Leute kommen nicht mehr zu den sogenannten Spaziergängen gegen die Corona-Maßnahmen am Augustusplatz.
Was ja kein Wunder ist: Die Inzidenzen sind zwar hoch wie nie, aber weil Omikron die Intensivstationen verschont, wurden viele Maßnahmen inzwischen aufgehoben (wenn auch nicht alle).
Die eine Krise ist zwar noch nicht vorbei, aber überschattet von der nächsten.
Putin führt einen Angriffskrieg in der Ukraine. Am Morgen des 24. Februar schlugen die ersten Bomben ein. Einen Tag später beschossen russische Truppen einen Kindergarten in der Stadt Ochtyrka, wobei ein Kind starb.
Bomben, getötete Kinder. Im Gegensatz zu Corona kann das niemand leugnen. Oder?
Natürlich kann man. Und wir befinden uns in einer spannenden Phase, denn die führenden Verschwörungsideologen suchen gerade nach ihrem Hebel, um auch die nächste Krise zu ihren Gunsten zu nutzen. Dresden ist in der Hinsicht gerade Avantgarde: Dort brachten am Sonntag zu einem Corona-Protest tatsächlich viele eine Russlandflagge mit.
Sehen wir das auch bald in Leipzig? Demos gegen die NATO – und pro Putin, den Befreier? In den einschlägigen verschwörungsideologischen Gruppen kursieren dazu schon die ersten Thesen, etwa:
„Die Ukraine ist ein faschistischer Staat und muss entnazifiziert werden.“
So erzählt es auch Putin seinem Volk, um den Krieg zu legitimieren. Bei sächsischen Coronaleugnern dürfte die Theorie aber weniger gut ankommen, denn diese haben in den letzten Jahren auch Kontakte zu rechten Netzwerken geknüpft. Dass diese nützlich sein können, zeigte sich am 7. November 2020 in Leipzig, als angereiste Hooligans der Querdenker-Demo halfen, die Polizeikette zu durchbrechen, damit der Protestzug weiterlaufen konnte. Eine andere These:
„Putins Krieg ist gerechtfertigt – und er sollte auch einmal in Deutschland richtig aufräumen.“
Diese ist schon interessanter. In einer Telegram-Umfrage stimmten von ca. 50.000 Befragten sogar 73 Prozent für sie. Die Gruppe mit 100.000 Abonnenten betreibt Alina Lipp, eine deutsch-russische „Friedensjournalistin“ (so nennt sie sich). Putin ist für sie ein „Befreier“. Sie tritt regelmäßig in russischen Talkshows auf.
Vielleicht verfangen Alina Lipps Thesen auch bald hier in Sachsen. Zur Erinnerung: Ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung glaubte hier auch, dass Corona eine normalen Grippe sei. Und das, obwohl gerade in Sachsen im November und Dezember 2021 rund 51 Prozent mehr Menschen starben als in den Jahren zuvor.
Die Fotos von gestapelten Särgen wurden hierzulande teils für Inszenierungen gehalten.
Eine sächsische Krankenschwester, die auf Instagram ihren höllischen Alltag auf der Corona-Intensivstation dokumentierte, berichtete mir damals, dass manche sie als Schauspielerin beschimpften.
Aber woher kommt überhaupt die Lust an der Verschwörung? Warum wollen manche immer das Gegenteil von allem glauben? Es ist ja nicht so, als gäbe es heutzutage nur eine zulässige Meinung. Über Corona wurden zahlreiche Debatten geführt, zum Beispiel:
Auch über die Ukraine lässt sich streiten, ohne dass man dafür an Mythen glauben muss: Sollte man einen Präsidenten, der wehrfähige Männer dazu verpflichtet, ihr Land zu verteidigen, wirklich als Helden verehren? Und braucht die Bundeswehr tatsächlich 100 Milliarden Euro mehr, oder nicht eher eine radikale Reform?
Dennoch tauchen jetzt wieder die ersten verrückten Theorien auf. Wieder denken viele: Dinge, die nirgends stehen, sollen uns wohl verschwiegen werden.
Wenn die Tagesschau berichtet, dass Putin einen Krieg führt, dann ist es für sie genau umgekehrt. Dann ist Putin ein Befreier.
Man wünscht denen, die das glauben (und vielleicht bald mit Russland-Fahne auf dem Augustusplatz stehen) nicht, dass sie eines Tages in einem Land aufwachen, in dem man wirklich nicht alles sagen darf.
Dresdner Querdenker zeigen jetzt eine neue Flagge. Foto: dpa
Dresdner Querdenker zeigen jetzt eine neue Flagge. Foto: dpa
Wo trifft Leipzig sich gerade?

Die Sachsenbrücke aus der Luft. Foto: Wolfgang Sens
Die Sachsenbrücke aus der Luft. Foto: Wolfgang Sens
Dieses Foto hat mein Kollege Wolfgang Sens letzten Sommer mit seiner Drohne von der Sachsenbrücke gemacht, also zu einer Zeit, als dort regelmäßig die Abende gewalttätig eskalierten. Jetzt ist eine gute Zeit, um auf die Sachsenbrücke zu gehen – am frühen Abend – weil es noch nicht so voll ist. Und weil das Elsterflutbett zu dieser Jahreszeit noch ganz frisch duftet. Und am 16. April soll nicht weit von der Brücke, im Richard-Wagner-Hain, das erste offiziell angemeldete Open Air des Sommers stattfinden: Als angemeldete Tanzdemo für die Ukraine.
Die Sachsenbrücke hat sogar eine Adresse, es ist die Anton-Bruckner-Allee 50, 04107 Leipzig. Geöffnet ist die Brücke immer. Am Freitag sollen es tagsüber 17 Grad werden, nachts null Grad.
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Impfpflicht im medizinischen Bereich: Die LVZ-Recherchen in „Unsere Story“
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Wortmeldungen: Leipzig, Sachsen, der Osten

“Ich bin da nicht angestellt. Mir hat da überhaupt niemand was zu sagen. Die können das drucken, bitte.”
Clemens Meyer (scherzhaft) über seinen Verlag – im Vorgespräch zu unserer Lesung bei der LVZ-Lesenacht, die ich moderiert habe und die man hier nachsehen kann.
“Herr Steinmeier, ich hätte einen Wunsch. Sorgen Sie dafür, dass die Welt nicht weiter aus den Fugen gerät.”
Der 75-jährige Altenburger Lutz Franke spontan zu Bundespräsident Steinmeier, dem er während dessen Altenburg-Besuchs zufällig auf der Straße begegnete.
Yasmine C. M'Barek
Obwohl Bayern meine Ästhetik ist, muss ich sagen: mein Gott ist Leipzig schön
Zuletzt hat mich interessiert

Wir haben heute in der LVZ eine ganze Seite in ukrainischer Sprache veröffentlicht, die es auch online gibt, auf der alle wichtigen Infos zum Ankommen in Leipzig stehen. Schickt sie euren ukrainischen Bekannten, spreadet sie in den ukrainischen Communities.
Weil hier Quizze immer so gut ankommen (tatsächlich bekomme ich darauf sehr viele Antworten) habe ich diesmal wieder was in die Richtung: Bei “Heardle” muss man bekannte Pop-Songs anhand der ersten Sekunden erkennen. Wenn man das Lied nicht sofort weiß, kann man sich weitere Sekunden anhören – hat dann aber weniger Versuche zum Erraten. Und wie immer bei dieser Art Games: Es gibt pro Tag nur eins.
Ich war wieder in einer neuen Folge unseres LVZ-Podcasts dabei. Diesmal habe ich von meinem Besuch in einem Altenheim in der Nähe von Chemnitz erzählt, in dem viele ungeimpft sind – sogar der Heimleiter selbst. Für den Podcast habe ich ihn nochmal angerufen. Hier geht es zu der Episode.
Vielen Dank fürs Lesen und bis in zwei Wochen,
Dein Josa
Was ist Heiterblick?

Eigentlich ein Leipziger Stadtteil, da oben im Nordosten. Dieser Newsletter handelt nicht von dem Stadtteil, er ist ein Leipzig-Newsletter. Aber ich möchte den Namen des Stadtteils neu beleben, daher borge ich ihn mir. Natürlich nicht, ohne vorher einmal nach Heiterblick gefahren zu sein – und seinen idyllischen Müllberg erklommen zu haben.
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