LVZ Heiterblick #5: Macht die Clubs auf!

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Guten Abend, Leipzig!

Letztes Wochenende saß ich mit einem Freund in einer prall gefüllten Kneipe und als wir wieder auf die kalte Straße traten, winkte uns von gegenüber ein rauchender Mann im T-Shirt heran. 
T. hatte im Hinterzimmer seines Ateliers gekocht, aber das Abendessen war zu einer kleinen Party ausgewachsen. Es lief laute Musik, es kamen noch mehr Leute aus der Straße dazu (in Sachsen darf man sich aktuell zu zehnt treffen wenn alle geimpft sind, wir waren neun), es wurde voll, eng und schwül wie kurz vor einem Gewitter.
Viele Menschen an einem Ort – dank der Impfung gibt es das wieder. Nur ein Ort bleibt seltsamerweise geschlossen: der Nachtclub, die Disco.
In 21 von 23 Pandemiemonaten waren die Clubs zu. Bei jedem Lockdown machten sie als erste dicht und als letzte wieder auf. Dabei könnten sie so sichere Orte sein. Berliner Betreiber haben ermittelt, dass ihr Publikum zu 82 Prozent doppelt geimpft ist. Viele Clubs schlagen vor, dass sie ihre Gäste vorab PCR-testen. 
In einen Club zu gehen wäre heute sicherer als sich in ein Café zu setzen. Und trotzdem scheint die Politik sie ganz vergessen zu haben. Mindestens bis Anfang März, also noch einen Monat lang, ist nix mit Clubs. Warum nur?
Vermutlich liegt es daran, dass Clubs nicht ernstgenommen werden. Während einer Pandemie muss man nicht unbedingt tanzen, oder? 
Doch, muss man. Clubnächte sind für viele Menschen Familientreffen, weil sie keine herkömmliche Familie haben (oder sie zu weit weg ist). Clubs sind beflügelnde Orte, an denen man sich nächteweise von der Realität loskoppeln kann, um Montagmorgen umso energischer wieder an ihr teilzunehmen.
Vor einer Weile ist mir klar geworden, dass Clubs noch einen Zweck erfüllen, der jeden Konservativen, jeden Law-and-order-Verfechter zum glühenden Club-Aktivisten machen müsste. Denn Clubs haben, selbstverständlich, auch eine ordnende Funktion. Sie sind eben nicht nur zum Spaß da, sondern sie geben der Nacht einen Rahmen.
Die angestaute Energie, die im Sommer auf der Sachsenbrücke in zügellose Gewalt eskalierte, hätte ein Club in organisierte Feierei verwandelt. Jetzt, im Winter, gibt es eben Privatfeiern – natürlich ohne PCR-Test.
Was wäre eine Stadt, in der es gar keine Clubs gibt? Vermutlich wie eine Stadt ohne Ampeln und Zebrastreifen – sie endet im Chaos. Also lasst sie nicht sterben. Macht endlich die Clubs wieder auf!
Die verwaiste Tür des Instituts für Zukunft. Foto: Kempner
Die verwaiste Tür des Instituts für Zukunft. Foto: Kempner
Wo trifft Leipzig sich gerade?

Mein String Regal als Bücherregal. Eure so?
Mein String Regal als Bücherregal. Eure so?
Gibt es etwas intimeres als das eigene Bücherregal? Hier trotzdem mein ganz persönlicher Leak. Denn während ich diesen Newsletter schreibe, wird gerade die Leipziger Buchmesse abgesagt. Nicht, weil es die Politik so wollte – sondern weil die Verlage nicht interessiert waren. Eine Messe unter 2G+-Bedingungen lohnt sich für sie einfach nicht, es gäbe schlicht zu wenig Publikum. Das schmerzt natürlich doppelt. Deshalb möchte ich, dass wir uns diese Woche nicht in einem schicken neuen Café oder einer neu entdeckten, ranzigen Kneipe treffen, sondern an unseren Bücherregalen. Schickt mir Fotos eurer Bücherregale per Mail oder Twitter. Wenn genügend zusammenkommen, veröffentliche ich sie in der nächsten Ausgabe – als kleine Mahnwache zur ausgefallenen Messe.
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Menschen im Corona-Sturm: Der raue Ton in der Pandemie 
Wortmeldungen: Leipzig, Sachsen, der Osten

“Gendern ist, wenn der Sachse mit dem Boot umkippt.”
Herkunft unbekannt, aber vielleicht genau die Art von Dad-Joke, die es bräuchte, um ganz Sachsen zum Gendern zu bringen.
Noch so ein Kalauer, jetzt aber genug. Hier vom geschätzten Titus Blome.
Instagram: @ostdeutschedings
Instagram: @ostdeutschedings
Leider postet @ostdeutschedings nur noch selten, aber das Archiv ist KoKo-Gold wert, ich empfehle einen Deep Dive!
Zuletzt hat mich interessiert

Wer jetzt sofort ganz einfach wundervolle fünf Minuten verbringen will, der sollte sich diesen kleinen WDR-Beitrag ansehen, in dem der überaus sympathische Sprengmeister Michael Schneider aus dem Vogtland eine marode Autobahnbrücke in NRW in die Luft jagt. Mehr will ich gar nicht sagen, zugucken und genießen.
Ich habe eine Guilty Pleasure und sie heißt “Geschichten aus der Geschichte”. Das ist ein Podcast, in dem sich zwei junge, sehr sympathische Historiker verrückte Anekdoten erzählen – von den Mammuts bis zur Neuzeit. Ostdeutsch sind die beiden kein bisschen. Aber ganz am Anfang ihres Podcasts haben sie eine hervorragende Episode über den sächsischen Erfinder des Porzellans gemacht, dessen Leben durch eine kleine Lüge komplett auf den Kopf gestellt wurde.
Wem letzte Woche der Leipziger Influencer-Bäcker gefallen hat, für den habe ich diese Woche einen Leipziger Pizzabäcker, der auf Instagram sein Wissen teilt: Marcel “The Pizza Rockstar” erklärt zum Beispiel, warum die richtige Wahl des Mehls so wichtig ist. Oder, wie man die perfekte Pizzasauce hinbekommt. Folge-Empfehlung.
Vielen Dank fürs Lesen und bis in zwei Wochen,
Dein Josa
Was ist Heiterblick?

Eigentlich ein Leipziger Stadtteil, da oben im Nordosten. Dieser Newsletter handelt nicht von dem Stadtteil, er ist ein Leipzig-Newsletter. Aber ich möchte den Namen des Stadtteils neu beleben, daher borge ich ihn mir. Natürlich nicht, ohne vorher einmal nach Heiterblick gefahren zu sein – und seinen idyllischen Müllberg erklommen zu haben.
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