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LVZ Heiterblick #4: Klappt Eure Laptops zu!

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Guten Abend, Leipzig!

Freunde von mir planen eine Reise in die Toskana. Sie wollen ein großes Haus mieten. Wer mit will, soll sich in eine Excel-Tabelle eintragen. Die Tabelle verschickten die Freunde mit einem Hinweis: Man möge bitte den Arbeitslaptop zu Hause lassen. “Wir wollen das Leben feiern und keinen Co-Working machen.”
Ich fand das gut. Wenn andere arbeiten, während ich frei mache, werde ich nervös. Zum Beispiel in Cafés, in denen viele aufgeklappte Laptops ihre Besitzer anleuchten.
Der Arbeitende mag ja von den lässigen Vibes um ihn herum profitieren, aber was genau habe ich davon? Er selbst strahlt ja nur Hektik und Anstrengung aus?
In meiner alten Straße, der Kolonnadenstraße, hat sich in den letzten Jahren viel verändert. Manches zum Guten: Es gibt jetzt einen sehr guten Buchladen dort, der sogar seinen Vorgänger würdigt, indem er das alte Schild dran ließ: Магазин, ein russisches Spezialitätengeschäft. Sie sagen: “Wir konnten uns nicht richtig davon trennen.”
Zuletzt gab es in der Straße einige Veränderungen, die ich nicht so gut finde. In eine Galerie zog ein IT-Büro. Und am Ende der Straße soll nun ein Co-Working-Space entstehen. Es wird immer mehr gearbeitet in meiner Straße, sodass ich mich frage, ob ich dort überhaupt noch gern sein will.
Man sieht das ja immer öfter beim Spazierengehen: Große Schaufenster, hinter denen Menschen angestrengt auf Bildschirme schauen. Besonderes sonntagabends ist das schlimm, ich zucke dann immer kurz zusammen. Es ist eine ausgestellte Performance von Leistungsfähigkeit, die oft im verglasten Fitnessstudio fortgesetzt wird.
Natürlich, hart zu arbeiten ist ein Statussymbol und deshalb ist es ganz toll, wenn besonders viele davon erfahren.
Nein. Ich bin dagegen. Parallel zur autofreien Innenstadt fordere ich arbeitslose Fußgängerzonen. Ich fordere die kostenlose Abgabe von Milchglasfolie. Ich bin dagegen, dass arglose Passanten ungefragt zu Motivationsschüben verhelfen sollen.
Und jetzt pack deinen Laptop weg. Wir wollen das Leben feiern und nicht dein Co-Working-Space sein.
Магазин, Magazin, in der Kolonnadenstraße im Zentrum-West
Магазин, Magazin, in der Kolonnadenstraße im Zentrum-West
Wo trifft Leipzig sich gerade?

Normalerweise nur drei Stunden pro Tag: Schotten dicht im "Am Kanal"
Normalerweise nur drei Stunden pro Tag: Schotten dicht im "Am Kanal"
Normalerweise kann man hier morgens um acht mit einem Bauernfrühstück (5,90 Euro) beginnen und 21 Stunden später mit einem großen Fassbier (2,40 Euro) enden. Ja, “Am Kanal” hat zu normalen Öffnungszeiten nur drei Stunden lang geschlossen, täglich. Aber auch jetzt wirkt die Zeit hier wie aus derselben gefallen. Hier wird noch gleichzeitig geraucht und gegessen. Irgendwann wird gesungen. Wer aufs Klo muss, darf nicht zimperlich sein. Natürlich, das muss man mögen. Trotzdem ist es hier jetzt gerade besonders schön. Denn wenn die Kneipen schon um 22 Uhr dicht machen, dann muss man Orte finden, an denen Zeit keine Rolle zu spielen scheint. Jedenfalls fühlt es sich im “Am Kanal” schon um 20 Uhr an wie kurz nach zwölf. Ausprobieren – wenn Du dich traust.
Am Kanal, Endersstraße 55. Geöffnet täglich von 12 bis 22 Uhr.
Korrektur: Im Heiterblick #3 wurde das Lax & Suelze einer falschen Adresse zugeordnet – es befindet sich in der Merseburger Str. 46.
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Wortmeldungen: Leipzig, Sachsen, der Osten

Instagram: @vermietersofleipzig
Instagram: @vermietersofleipzig
Gesehen auf dem sehr guten Leipziger Instagram-Account “Vermieters of Leipzig”.
“Ich kenne keine Krankenschwester aus Chemnitz. Ich bin Michael aus Stuttgart, ich arbeite in der IT und bin doppelt geimpft und geboostert.”
Michael aus Stuttgart zu mir, nachdem ich eine Handynummer wählte, die in einer der zahlreichen Stellengesuche ungeimpfter Krankenschwestern in sächsischen Lokalzeitungen stand (nicht alle waren echt).
✨ Sound of Leipzig 🎶
Clubfeeling 2022 in #Leipzig:
Stempel geben lassen, um in der City "entspannt" Einkaufen gehen zu können.

#clubkultur
Zuletzt hat mich interessiert

Ich bin ein bisschen sauer auf eine Freundin, weil sie mir “WikiTrivia” gezeigt hat, das ziemlich süchtig macht. Man muss darin geschichtliche Ereignisse chronologisch sortieren. Klingt lame, ist aber irre gut. Besonders wenn man ein paar Tausend Jahre daneben liegt. Oder wenn man realisiert, dass zwei unerwartete Dinge gleichzeitig passiert sind. Zum Beispiel, dass Marilyn Monroe und Queen Elizabeth im selben Jahr geboren sind? Oder, dass es noch Mammuts gab als die Pyramiden gebaut wurden, was zur… ? Hier geht es zu WikiTrivia, auf eigene Gefahr.
Es gibt einen Leipziger Bäckermeister, Ricardo heißt er, der ziemlichen Fame auf TikTok hat, weil er sehr gut darin ist, schlaue Dinge über Brot zu erzählen. In Wahrheit nennt er sich auch “Brot-Sommelier”. Manchmal kommentiert er sehr witzig andere Back-Videos, in denen alles daneben geht. Seit Rico wünsche ich mir, dass ich während des Lockdowns doch Mal ein Brot gebacken hätte. Meine Kollegin Regina Katzer hat den Mann schon vor einigen Wochen getroffen – und sich ein todsicheres Brotrezept von ihm geben lassen. Zu seinen Videos geht es hier entlang.
Gerade erscheinen zwei starke Romane über den Osten der Nachwendezeit. Ich will sie hier kurz anteasern: Eines ist von einem taz-Journalisten über die Neunziger, “über eilig zurückgelassene Kirschgärten in Brandenburg und Söhne, deren Väter plötzlich Versicherungen verhökern” (Leseprobe). Und eines von einem bekannten Deutschrapper über die Nullerjahre, über “Auswege aus der Langeweile und Fluchtwege, um keine Prügel zu kassieren” (Leseprobe).
Vielen Dank fürs Lesen und bis in zwei Wochen,
Dein Josa
Was ist Heiterblick?

Eigentlich ein Leipziger Stadtteil, da oben im Nordosten. Dieser Newsletter handelt nicht von dem Stadtteil, er ist ein Leipzig-Newsletter. Aber ich möchte den Namen des Stadtteils neu beleben, daher borge ich ihn mir. Natürlich nicht, ohne vorher einmal nach Heiterblick gefahren zu sein – und seinen idyllischen Müllberg erklommen zu haben.
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