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LVZ Heiterblick #2: Die irrste Story des Jahres

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Guten Abend, Leipzig!

Schön, dass Du auch die Heiterblick #2 liest. Falls Du die #1 verpasst hast, kannst du sie hier nachlesen.
Diesmal ist es wirklich möglich, auf diese Mail zu antworten. Das hat beim letzten Mal leider nicht geklappt. Falls Du mir damals geantwortet hast (oder mir jetzt etwas sagen möchtest), einfach auf diese Mail antworten. Ich freue mich!
2021 ist fast um, aber die verrückteste Geschichte des Jahres habe ich jetzt erst gehört. Sie spielt in einem Leipziger Einkaufszentrum, in dem eine Ärztin vor einigen Tagen noch ihre letzten Weihnachtseinkäufe erledigt. An der Wursttheke erkennt sie einen Mann. Der Mann ist ihr Patient und sie kann sich gut an ihn erinnern, schließlich hat sie ihn kürzlich positiv auf Corona getestet. Und nun kauft er hier einfach ein. Der Mann, findet die Ärztin, stellt eine Gefahr dar. Also bittet sie die Information, ihn ausrufen zu lassen. Natürlich ohne seinen Namen zu nennen. Der Markt macht das, aber weil der Mann nicht reagiert, rufen sie ihn ein zweites Mal aus. Diesmal mit der Drohung, den gesamten Markt zu sperren und die Polizei zu rufen. Jetzt kommt der Mann an die Information – und mit ihm 17 andere.
Was für eine Geschichte! Leider ist sie nicht wahr. Die österreichischen Faktenchecker „Mimikama“ haben recherchiert und die Story in vielen leicht abgewandelten Variationen gefunden. Mal spielt sie in Leipzig, in Sachsen, Bayern oder in Thüringen. Kein Kaufhaus konnte sie je bestätigen. Vielleicht hat sie sich so ähnlich ereignet. Vielleicht wurde sie auch erfunden und seitdem immer weitererzählt. Ich habe sie schon von drei verschiedenen Personen gehört.
Und es gibt noch mehr solcher Storys, die zumindest ein wenig ausgedacht klingen, aber vielfach geglaubt werden. Da ist die kleine Hannah, die sich in einem Brief an die SPD NRW tatsächlich klimaneutral hergestellten Stahl wünscht. Oder die 8-jährige Anna, die in Leipzig einem Bundespolizisten einen Brief übergeben haben soll, in dem sie sich um die psychische Gesundheit der Beamten sorgt und sich bedankt.
Echt jetzt? Man habe “die Echtheit des Schreibens nicht in Frage gestellt” antwortet mir ein Polizist. Und weiter: “Wir sind im positiven Glauben an das Gute von einem ernst gemeinten Dank ausgegangen…”
Bundespolizei Mitteldeutschland
Vielen lieben Dank an die 8-jährige Anna, die einer Streife am Hbf #Leipzig diesen Brief übergab.
Wir sind gerührt und wünschen dir auch #FroheWeihnachten.
#Danke https://t.co/YKgGx73ZEl
Egal, ob ausgedacht oder nicht: Warum wollen wir so gern an solche Geschichten glauben? Vielleicht liegt es an Weihnachten, was ja auch eine Zeit des Erzählens ist, in der Kirche oder beim Hirtenspiel.
Aber in den Storys steckt ja noch etwas: Sie sind vollgestopft mit Moral, fast wie in einem Gebrüder-Grimm-Märchen. Die heldenhafte Ärztin, die verantwortungslosen Mitmenschen, die trotz Positivtest draußen herumlaufen. Natürlich machen die das!, seufzt man innerlich.
Ein italienische Sprichwort geht so: Se non è vero, e molto ben trovato. Wenn es nicht wahr ist, ist es immerhin gut erfunden. Eine gute Geschichte, erfunden oder nicht, kann erschüttern und aufrütteln, aber auch motivieren, trösten, Mut machen. Letztlich gibt sie einem das Gefühl von Zusammengehörigkeit und Solidarität. 
Wenn dann in einem Kaufhaus Corona-Leugner ihr Virus versprühen, glaubt man das gerne (auch ich habe es sofort geglaubt), weil einem die Story das gute Gefühl gibt, auf der richtigen Seite zu stehen. Man selbst hält sich ja möglichst an alle Corona-Regeln. Schuld an der Pandemie sind schließlich nicht wir alle oder niemand. Sondern die Anderen, irgendwo im Erzgebirge oder der Sächsischen Schweiz, in den Hochinzidenzgebieten.
Natürlich ist die Realität meistens nicht so schwarzweiß. Es steckt auch nur selten so viel Moral in ihr. Im Journalismus macht es viel Arbeit, Storys auszugraben, sie wahrheitsgetreu wiederzugeben und trotzdem zu berühren. Manchmal gelingt es aber. In der Mitte dieser Mail habe ich Texte aus dem letzten Jahr LVZ hinterlegt, in denen das dieses Jahr aus meiner Sicht besonders gut gelungen ist.
(Es sind auch Texte von mir dabei, was aber weniger als Eigenlob gemeint ist, sondern mehr als Auswahl meiner Arbeit, über die ich dieses Jahr besonders glücklich war.)
Was machen Sie da?

Foto: Leon Joshua Dreischulte (Insta: @leondreischulte)
Foto: Leon Joshua Dreischulte (Insta: @leondreischulte)
Franziska und Sonja heißen eigentlich anders. Sie wollen auf diesem Foto von Leon nicht erkannt werden, weil erst kürzlich gegen ihren Willen Bilder von ihnen und rund 50 anderen Frauen auf der Pornoplattform xHamster hochgeladen wurden. Zum Jahrestag der Tat machten sie ihre Geschichte jetzt öffentlich – und auch, dass der Täter ein Leipziger DJ ist. Mir haben sie kürzlich in anderthalb Stunden Gespräch erzählt, wie sie gegen den 36-Jährigen vorgegangen sind – und woher sie ihn kannten. Zwei Wochen nach unserem Gespräch überraschte uns dann eine Nachricht: xHamster droht eine Netzsperre. Sonja und Franzi glauben nicht, dass ihre Geschichte damit zu tun hat. Naja, vielleicht ein bisschen.
Wo trifft Leipzig sich gerade?

Foto: Roots. Pflanzencafé
Foto: Roots. Pflanzencafé
Wer sich keine Katze zu Hause hält, kann in Leipzigs Katzencafé gehen. Und wem zu Hause andauernd die Pflanzen eingehen, der kann in Schleußig ins Roots gehen, ein Café voller Pflanzen, das es schon seit 2019 gibt. In letzter Zeit reden wieder häufiger Leute davon. Einer der Gründe ist, dass man die Pflanzen im Roots auch kaufen kann (genau wie man die Katzen im Leipziger Katzentempel adoptieren kann). Kostet im Roots aber ein bisschen mehr als ein Flat White mit Saltet Caramel Cheesecake: Für eine der seltenen Monstera Thai Constellation muss man – wenn es denn gerade eine gibt – bis zu knapp 200 Euro dalassen. Das sind die mit den cremefarben gesprenkelten Blättern. Die Optik ist eigentlich ein Gendefekt, der Pflanze fehlt es an Chlorophyll, sie wächst daher nur sehr langsam. Vielleicht für mich doch nur ein schwarzer Kaffee.
Roots. Pflanzencafé in Leipzig, Könneritzstraße 88, geöffnet Mittwoch bis Sonntag ab Vormittag bis 18 Uhr. Am Wochenende Frühstück. Instagram: @roots.pflanzencafe.
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Wortmeldungen: Leipzig, Sachsen, der Osten

Foto: Pawel Sosnowski, Sächsische Staatskanzlei
Foto: Pawel Sosnowski, Sächsische Staatskanzlei
“Echt jetzt?”
Felice Perani, der als Einziger von acht italienischen, nach Leipzig verlegten Corona-Patienten überlebte (oben beim Treffen mit Kretschmer) als er hörte, dass die Impfquote in einigen Regionen Sachsens kaum 50 Prozent beträgt.
“Wunschkindpille.”
Der Münchner Gynäkologe Prof. Christian Thaler auf die Frage wie die Antibabypille besser heißen sollte – nämlich so, wie sie 1965 in der DDR auf der Leipziger Messe vorgestellt wurde.
“Mein Silvesterwunsch für 2022: Eine positive Schlagzeile aus Sachsen.”
Der Kölner “heute-show”-Komiker Lutz van der Horst auf Twitter.
“Wir sind alle Lernende in dieser Pandemie.”
Der ungeimpfte sächsische AfD-Politiker Ivo Teichmann gegenüber der Bild-Zeitung nachdem er mit Corona ins Krankenhaus musste.
“Mein Name (Triene), mein Impfstatus (ungeimpft), meine Sexuality (hetero), meine Wahlpartei (AfD), meine Tankfüllung (Benzin), bin ich Veganer? (nein) Und das ist meine Herkunft (Sachsen).”
Die sächsische Tik-Tokerin triene.85_ in einem Video, über das viele in Deutschland lachten – und viele in Sachsen stöhnten.
Zuletzt hat mich interessiert

In Sachsen ist wieder mal Lockdown und ich habe zum ersten Mal etwas geglotzt, was schon in der ersten Welle kontrovers diskutiert wurde: Theater per Stream. Sollte man das nicht besser lassen, weil man die Kunstform Theater verdirbt? Sollte man nicht besser einen Film gucken? Der Görlitzer Schriftsteller Lukas Rietzschel hat für das Schauspiel Leipzig ein Stück geschrieben, das von Anfang an als Theaterfilm angelegt war. Ein Hybrid, vielleicht auch etwas völlig neues. Auf Dringeblieben.de kann man sich “Widerstand” noch bis Jahresende für 10 Euro ansehen.
Wenn es doch lieber echtes Kino sein soll, dann vielleicht Colette, eine knapp halbstündige Doku, die der 90-jährigen französischen Widerstandskämpferin Colette Marin-Catherine bei ihrer Reise ins KZ Mittelbau-Dora in Thüringen folgt, in dem ihr Bruder – ebenfalls Widerstandskämpfer – ums Leben kam. Colette hat Anfang des Jahres den Oscar für den besten Dokumentar-Kurzfilm bekommen und ist auf YouTube frei verfügbar.
Felix Kummer, der eine von Kraftklub, hat mit seinem Solo-Album vielen jungen Leuten, vielleicht insbesondere vielen jungen Ostdeutschen aus der Seele gesprochen. “9010” handelt von der Gewalt und der Wucht der Nachwendejahre; “Schiff” von der Perspektivlosigkeit, die man an manchen Orten des Ostens spürt. Jetzt hat Kummer in einem kurzen Clip zwei Konzerte angekündigt – die seine letzten sein sollen. Das Projekt Kummer endet. Die gute Nachricht für Fans: Für eines der Konzerte in Berlin gibt es noch Tickets.
Vielen Dank fürs Lesen und bis in zwei Wochen,
Dein Josa
Was ist Heiterblick?

Eigentlich ein Leipziger Stadtteil, da oben im Nordosten. Dieser Newsletter handelt nicht von dem Stadtteil, er ist ein Leipzig-Newsletter. Aber ich möchte den Namen des Stadtteils neu beleben, daher borge ich ihn mir. Natürlich nicht, ohne vorher einmal nach Heiterblick gefahren zu sein – und seinen idyllischen Müllberg erklommen zu haben.
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