LVZ Heiterblick #14: Noch eine neue Kneipe? Ernsthaft?

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Guten Abend, Leipzig!

Eine Kneipe kann in Leipzig ein guter Grund sein, sich aufzuregen. Nein, nicht weil man drinsitzt und nach dem vierten Bier ein bisschen emotional wird. Es ist anders. Etwa in der Leipziger Kolonnadenstraße wurde kürzlich eine neue Kneipe eröffnet. Und die, die sich aufregten, fluchten: Noch eine neue Kneipe? Ernsthaft?
Ich muss das erklären. In der kleinen, feinen Straße, in der ich selbst einmal gewohnt habe, gibt es nämlich auf 200 Metern inzwischen sieben Orte, an denen man etwas essen oder trinken kann. Von West nach Ost heißen sie so: Pizza Paradiso, Café Tokyo, Stoned, Goldhopfen, Kolinar, Café Tunichtgut, Apels Garten. Achja, wer da nicht fündig wird, kann noch hoffen, dass jemand aus dem Projektladen Libelle (zwischen Pizza Paradiso und Café Tokyo) gerade einen Topf KüfA auf den Bürgersteig trägt.
Jetzt also Nummer acht. Meine glühende Wut schürte, dass die Kneipe auch noch dort eröffnete, wo gerade noch der Kunstverein seine Räume hatte. Ein Bierchen mehr – ein Ort für zeitgenössische Kunst weniger?
Aber warum regt man sich nun wirklich über eine Kneipe auf?
Eigentlich kann man an der Kneipendichte doch ablesen, wie extrovertiert die Leute eines Viertels sind. Wie gern sie ausgehen und auf fremde Leute treffen. Im ländlichen Raum gibt es oft kaum noch Kneipen, da trifft man sich zu Hause, man bleibt unter sich. Dort hat man es dann aber auch besonders schön. Im Erzgebirge nennt man solche Treffen Hutznohmd, also Hutzen-Abend, ein Zuhause-Abend. Als die Corona-Regeln, die sich vor allem Leute aus der Stadt ausgedacht haben, noch die Gastronomie betrafen und nicht auch private Treffen, hatte das im Erzgebirge praktisch keine Auswirkungen.
Das größte Gegenteil vom Erzgebirge ist wahrscheinlich Paris, also Groß-Leipzig. In Groß-Leipzig gibt es eine hohe Kneipendichte, weil die Leute lieber mehr Geld für ihren Wein ausgeben als für ihre Wohnung. Dafür ist es in Paris bei den meisten Leuten zu Hause nicht besonders schön. Das ganze Geld steckt dann schon in der Kneipe.
Jetzt ist es nicht so, dass wir uns alle verabreden, ob wir lieber schöne Häuser oder schöne Kneipen haben wollen. Aber es gibt in manchen Vierteln einer Tendenz. In der Kolonnadenstraße gab es nun also die achte Kneipe, was schon mehr ist als eine Tendenz. Zwischen und über den Kneipen findet man übrigens vor allem Plattenwohnungen oder Buden, die einmal wieder eine Sanierung nötig hätten. Man könnte also sagen, hier herrschen, wie in einigen anderen Gegenden, Pariser Zustände. Aber warum ärgert uns das?
Wahrscheinlich handelt es sich um den Atommüll-, beziehungsweise den Windrad-Effekt. Man möchte ununterbrochen Strom aus der Steckdose, natürlich. Aber das, was zur Stromherstellung notwendig ist, soll nicht vor der eigenen Haustür stattfinden. Die Kneipe muss ein paar Häuser weiter weg sein. Unter dem eigenen Schlafzimmerfenster soll es bitteschön abends ruhig bleiben. Je mehr Kneipen, desto geringer ist aber die Chance, dass es ruhig bleibt.
Ich kenne genau eine Kneipe, die Corona nicht überlebt hat. Über die meisten bin ich froh, dass es sie gibt. Dass man hingehen kann. Ich will hier also gar nicht in das große Anti-Kneipen-Wettern einsteigen. Ich hätte trotzdem einen Vorschlag, was man machen könnte, wenn es einem zu viele Kneipen werden: Man könnte die schöne ostdeutsche Tradition des unangekündigten Besuchs wiederbeleben. Wahrscheinlich ein Überbleibsel der geringen Telefondichte der DDR (und, natürlich, der geringen Kneipendichte).
Meine Mutter macht das heute noch: Einfach so bei Nachbarn vorbeischneien, klingeln, reinkommen. Probieren Sie es einmal aus, hat im Zeitalter der niemals abreißenden Kommunikation einen ganz besonderen Zauber.
PS: Die Kneipe in der Kolonnadenstraße hatte nach zwei Tagen wieder geschlossen. Sie war nämlich gar keine echte Kneipe, sondern nur ein klandestines Projekt des Kunstvereins; ein subversiver Kommentar gegen das dauernde Gefühl, dass an jeder Ecke schon wieder eine neue Kneipe aufmacht und man sich darüber aufregt.
Die Kneipe, die gar keine war.
Die Kneipe, die gar keine war.
Wo trifft Leipzig sich gerade?

Solo, aber nicht einsam: Wer sich bei Natalina zu viel Zeit beim Essen lässt.
Solo, aber nicht einsam: Wer sich bei Natalina zu viel Zeit beim Essen lässt.
So sieht es aus, wenn man zu lange bei Natalina in Connewitz herumsitzt. Also dem einen der beiden besten Italiener Leipzigs (den anderen verrate ich bei Gelegenheit). Dann werden alle Tische und Stühle um einen herum weggeräumt. Tiramisu darf man trotzdem noch bestellen. Sehr zu empfehlen sind hier natürlich die Pizzen und der hervorragende vegetarische Vorspeisenteller. Überhaupt sollte man nur von der handgeschriebenen Karte bestellen, nicht von der laminierten ausgedruckten. Dazu bekommt man einen halben Liter Hauswein für acht Euro. Im Sommer gibt es als Aperitif-Alternative anstatt Aperol den etwas trashigen Limoncello Spritz. Wer an einem lauen Sommerabend herkommt, sollte aber auf jeden Fall reservieren. Sonst wartet man auf die zweite Runde – und endet wie die Dame oben auf dem Foto.
Ristorante Pizzeria Natalina, Wiedebachstraße 22, 04277 Leipzig, geöffnet immer von 17 Uhr bis 23 Uhr (Freisitz bis 22 Uhr), Montag geschlossen.
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Wortmeldungen: Sachsen, Leipzig, der Osten

Jochen Dreier
Es ist sehr gut möglich morgens in Leipzig in einen Zug zu steigen und mit nur vier Umstiegen abends in Göteborg zu sein. https://t.co/XL5rpEd6Tx
Reisetipps von einem, der es wissen muss – und mal ausnahmsweise wieder ohne Neun-Euro-Ticket.
Pia Heine
Äh, ich bin doch nicht lebensmüde! 😳🛹🛼 https://t.co/5eAEBunoT1
Aber… warum eigentlich nicht?
„Der Bürgermeister war noch nie wichtig.“
Lothar Herklotz aus Röderaue, mit 44 Jahren im Amt wahrscheinlich Deutschlands dienstältester Bürgermeister.
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In der Kamenzer Straße 12 in Leipzig-Nordost befand sich einmal ein KZ-Außenlager, in dem mehr als 5.000 Frauen inhaftiert waren. Und heute? Heute, das sagt inzwischen auch der Verfassungsschutz, sollen dort Rechtsextremisten ein und aus gehen. Bei einem Einsatz in dem Gebäude stieß die Polizei auch einmal auf eine Hakenkreuzfahne. Was ist da los? Die Hintergründe gibt es in einem kleinen Deutschlandfunk-Feature zu hören.
Einen wundervollen Text habe ich in der ZEIT im Osten von August Modersohn gelesen, der in der großen Wahlnacht zum Montag im Thüringischen Waldeck war, wo 225 Menschen leben – von denen aber partout niemand als Bürgermeister kandidieren wollte. Herausgekommen ist ein wilder, witziger, sprühender Text aus der Provinz (ohne Paywall).
Über wenig parliert Leipzig (und auch dieser Newsletter, siehe letzte Ausgabe) so gern wie übers Fahrradfahren. Ganz gerne gucke ich deshalb auch die Dashcam-Videos eines Leipziger Radfahrers, der seine Fahrten mit der Helmkamera filmt – und der ziemlich viel unterwegs sein muss, so viel Scheiß wie ihm passiert. Oder aber Leipzig ist wirklich eine Fahrrad-hassende Stadt, in der Leute dauernd Dinge auf den Radweg räumen. Vor einer Woche gab es wieder ein neues, recht spektakuläres Video.
Vielen Dank fürs Lesen und bis in zwei Wochen,
Dein Josa
Was ist Heiterblick?

Eigentlich ein Leipziger Stadtteil, da oben im Nordosten. Dieser Newsletter handelt nicht von dem Stadtteil, er ist ein Leipzig-Newsletter. Aber ich möchte den Namen des Stadtteils neu beleben, daher borge ich ihn mir. Natürlich nicht, ohne vorher einmal nach Heiterblick gefahren zu sein – und seinen idyllischen Müllberg erklommen zu haben.
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