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LVZ Heiterblick #12: Was Luke Mockridge mit Leipzig zu tun hat

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Guten Abend, Leipzig!

Eigentlich hat Luke Mockridge überhaupt nicht viel mit Leipzig zu tun. 
Vielleicht ist das auch der Grund, warum dieser Text jetzt gerade gelesen wird. Na gut, das war beabsichtigt. Manchmal muss man ein bisschen tricksen, um die Aufmerksamkeit zu bekommen, die man zu verdienen glaubt. Wie meine Freundin F., die mich kürzlich fragte, ob wir uns treffen und dazuschrieb: „Plus, ich habe eine Verkündung!“ 
„Plus“ schreibt man heute, wenn man noch etwas ergänzen möchte, das eigentlich nichts zur Sache tut. Ich glaube, ich war schon lange nicht mehr so neugierig auf ein Treffen.
Weniger neugierig bin ich auf den Auftritt von Luke Mockridge heute Abend in der Leipziger Arena. Ich war nie Fan von ihm. Trotzdem werde ich nachher für meine Zeitung hingehen, weil es eine große Debatte um den Auftritt gibt. Vor der Arena und am Hauptbahnhof wollen feministische Aktivistinnen gegen Mockridge demonstrieren. Heute Nachmittag wurde bereits ein Protestgraffiti von der Arena entfernt. Leipzig wehrt sich gegen Mockridge. Aber natürlich zahlen auch Tausende Eintritt für Mockridge.
Ich glaube, dass man in Leipzig sehen kann, wie man mit solchen Vorwürfen umgehen sollte.
Achja, die Vorwürfe. Die wurden, ganz kurz zusammengefasst, erstmals im Podcast „Besser als Sex“ (ehemals „Sexvergnügen“) von Mockridges Ex-Freundin Ines Anioli erhoben. Der Comedian, erzählt sie, habe versucht, sie zu vergewaltigen. Danach habe er gesagt: „Boah, ich wollte dich jetzt einfach vergewaltigen.“
Mit dem Podcast war wenig später Schluss. Für Anioli war es kein Vergnügen mehr, über Sex zu sprechen. Ihren Ex-Freund zeigte sie an. Die Ermittlungen wurden eingestellt. Mockridge meldete sich später mit einem ernsten Statement auf Instagram. Darin erklärt er vor allem eines: „Das habe ich nicht gemacht.“
Seitdem kann man sich zwischen zwei Seiten entscheiden, um auf die Sache zu blicken. Und keine von beiden ist falsch.
Die eine lautet: Das Bestrafungsmonopol hat in unserem Land der Staat – und so lange ein Comedian nicht verurteilt ist, darf man ihn zwar unsympathisch oder sogar unlustig finden, aber man darf ihn nicht zum Täter erklären.
Die anderen sagen: Bei sexualisierten Übergriffen zwischen Geliebten kommt es fast nie zu einer Verurteilung, schließlich gibt es keine anderen Zeugen – aber weil diese Straftaten meistens in privaten Sphären stattfinden, muss man im Zweifel den Betroffenen glauben, wenn sie den Tathergang schlüssig wiedergeben.
Hier könnte alles enden. Weil auch zwischen den beiden Lagern Aussage gegen Aussage steht.
Wäre da nicht ein Stadtviertel im Leipziger Süden das solche Fälle schon immer völlig anders regelt.
Was, natürlich, problematisch ist. Schon allein, weil nicht klar ist, ob die Betroffenen das überhaupt wollen. Aber gleichzeitig wird in Connewitz ein Problem deutlich, das auch im Fall Mockridge herrscht. Es ist nämlich so, dass Luke Mockridge in Connewitz wohl nicht nur verurteilt, sondern auch bestraft worden wäre. Selbstjustiz ist hier keine theoretische Überlegung. Sie wird regelmäßig praktiziert:
Da war der Barbetreiber, von dem mehrere Frauen erzählten, er habe sie im Schlaf sexuell bedrängt. Seine Scheiben wurden eingeschmissen, er schloss die Bar und lebt heute in Nordrhein-Westfalen.
Da war der Tätowierer, der seine Kundinnen sexuell belästigt haben soll. Auch die Scheiben seines Studios barsten und bekamen Farbe ab. Er arbeitet inzwischen in einem anderen Studio im Leipziger Osten.
Es gab die Kneipe mit Grill, deren Betreiber mit Neonazis Geschäfte gemacht haben soll. Eines Nachts wurde sein gesamtes Geschäft und die teure Siebträgermaschine mit Buttersäure verätzt. Die Renovierung dauerte Monate, danach verkaufte er seinen Laden.
Die Angriffe fanden auf derselben Straße statt, nur wenige Hundert Meter voneinander entfernt. Man kann sie verurteilen, ohne die Täter, von denen keiner vor Gericht stand, zu verteidigen. Interessanter finde ich aber eine andere Frage:
Warum wird den Beschuldigten so selten ein Weg aufgezeigt, mit den Vorwürfen gegen sich umzugehen?
Im Fall Mockridge haben nach einer Recherche des “Spiegel” immer mehr Frauen von schlechten Erfahrungen mit dem Comedian berichtet. Sie haben ihre Berichte eidesstattlich versichert. Werden sie also eines Tages der Lüge überführt, würden sie sich strafbar machen.
Wenn die Vorwürfe also immer mehr und lauter werden: Gehört es dann nicht auch zum Aktivismus, einem angeblichen Täter zu zeigen, was er jetzt tun kann?
Unter dem Hashtag #KonsequenzenfürLuke wird heute gefordert, dass Mockridge nicht mehr auf Bühnen stehen soll. Wahrscheinlich werden sich nie alle einig sein, ob das so richtig ist. Daher ein Vorschlag: Man könnte den Hashtag umdeuten und Ideen sammeln, welche Konsequenzen Männer nach Vorwürfen sexualisierter Gewalt ziehen sollten.
Ja, im Fall des Comedians aus Bonn stünde dann immer noch Aussage gegen Aussage. Es gäbe aber noch einen dritten Gesprächsraum, aus dem alle ein wenig schlauer werden könnten.
Auch Luke Mockridge.
Ein Graffiti an der Arena gegen Luke Mockridge
Ein Graffiti an der Arena gegen Luke Mockridge
Wo trifft Leipzig sich gerade?

Qui und Johannes vom Paps
Qui und Johannes vom Paps
Wer sagt, dass die Sandwiches hier ein bisschen zu teuer sind, hat völlig recht. Aber sie sind es wert. Und man muss ja nicht jeden Tag ins “Paps” gehen. Wer will, kann sich hier auch lang und breit die Gründe für das 12-Euro-Banh-Mi erklären lassen. Etwa, dass hier schon früh morgens der Teig vorbereitet und erstmal stundenlang “geführt” wird. Ja, so nennt man das. Zu empfehlen sind auch die (günstigeren) Wan-Tans (vegan oder mit Fleisch), die Quis Mutter in mühevoller Handarbeit für den Laden ihres Sohns herstellt. Wer jetzt noch nicht überzeugt ist, der wird es vielleicht auf dem beängstigend hyperprofessionellen Instagram-Account vom “Paps”.
Paps, Bornaische Str. 13, 04277 Leipzig. Montag ist Ruhetag. Dienstag von 17 Uhr bis 22 Uhr. Mittwoch bis Freitag von 11:30 Uhr bis 22 Uhr (mit Pause zwischen 14:30 Uhr und 17 Uhr). Samstag bis Sonntag von 14 Uhr bis 22 Uhr.
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Wortmeldungen: Leipzig, Sachsen, der Osten

„Im Moment sieht Herr B. aus wie Heinz-Rudolf Kunze.“
Anwalt der angeklagten Leipziger Studentin Lina E. über einen Ermittler, der mit angeklebten Bart, falscher Nase und Fensterglasbrille in den Zeugenstand kam.
Jochen Dreier und Martina Weber aus Leipzig waren für Deutschlandfunk drei Monate in Kolumbien – das entstandene Feature hörten sie sich mit Freunden auf einem Dach im Zentrum-West an.
Tagesspiegel
Die bizarren Verschwörungserzählungen des extrem rechten Aktivisten Hagen Grell hat @Tieresindfreaks hier aufgelistet.

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Bis nach Berlin gelangte die Nachricht, dass die LVZ bei einem kleinen Wahlforum im Umland einen Kandidaten auslud.
Zuletzt hat mich interessiert

Ich komme aus Weimar, viele Freundinnen und Freunde von dort leben heute auch in Leipzig. Und wir alle kennen den furchtbaren Fall des Turntrainer Robert P., der Mädchen zwischen 12 und 16 Jahren missbrauchte. Nun hat STRG_F den Fall des beliebten Herrn P., einen ausgebildeten Polizisten, veröffentlicht – und dokumentiert, wie er so lange unentdeckt bleiben konnte. Ein schweres Thema, aber sehr zu empfehlen.
Am Sonnabend können zwei Leipziger Fußballteams Pokale gewinnen: Die BSG Chemie den Sachsenpokal (ich werde von dort berichten). Und danach RB Leipzig den DFB-Pokal. Die Sympathien werden sich auf die Mannschaften verteilen, eher weniger: Auf den Schiedsrichter. Ich will daher hier diese kleine Doku über den Schiri Deniz Aytekin empfehlen, bei der man sogar den Funk mit den Assistenten mithören kann. Unter anderem bei einem Spiel von RB Leipzig.
Seht ihr auch dauernd die fleißigen Leute, die sich in Outdoor-Fitnessstudios abmühen? Scheint irgendwie auch ein Leipzig-Ding zu werden. Es gibt dafür sogar eigene Sportgruppen. Meine Kollegin Nicole hat sich für ein kurzes Video einmal erklären lassen, worauf es beim Training mit eigenem Körpergewicht ankommt.
Vielen Dank fürs Lesen und bis in zwei Wochen,
Dein Josa
Was ist Heiterblick?

Eigentlich ein Leipziger Stadtteil, da oben im Nordosten. Dieser Newsletter handelt nicht von dem Stadtteil, er ist ein Leipzig-Newsletter. Aber ich möchte den Namen des Stadtteils neu beleben, daher borge ich ihn mir. Natürlich nicht, ohne vorher einmal nach Heiterblick gefahren zu sein – und seinen idyllischen Müllberg erklommen zu haben.
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