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LVZ Heiterblick #11: Eine Stadt unter Dauerdruck

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Guten Abend, Leipzig!

Kürzlich wollte ich in die Straßenbahn einsteigen und da fiel er mir wieder auf. Auf dem zweiten Waggon, zwischen grauen, blauen und gelben Streifen, neben der Internetadresse der Leipziger Verkehrsbetriebe, stand wieder dieser Satz: „Lass dich nicht aufhalten.“
Ich murmelte ihn einmal vor mich hin. Und fragte mich kurz: Bin ich etwa ein Superheld auf Weltrettungsmission? Oder wollte ich nicht nur mit der 11 zum Südplatz?
Man muss nur einmal darauf achten, aber solche Sprüche stehen inzwischen überall. Auch dort, wo man sie nie vermutet hätte. Im Stadion gibt es Bier zu kaufen und auf den Bechern steht: „Wahre Helden schäumen vor Begeisterung.“ Wer im Leipziger Hauptbahnhof shoppen gehen will, kann das tun – aber nicht, ohne vorher zu erfahren: „Nächster Halt Vielfalt.“ Auf die Spitze treibt es die Leipziger Stadtreinigung, auf deren Fahrzeugen tatsächlich zu lesen ist: „Ihr Abfall in guten Händen.“ Ja, in wessen Händen denn sonst?
Ich zucke beim Lesen solcher Sprüche immer kurz zusammen. Denn hier wird ja recht erbittert um meine Aufmerksamkeit gekämpft. Und zwar an einer Stelle, von der ich immer dachte, dass es dort nicht notwendig gewesen wäre. Eine Straßenbahn war immer eine Straßenbahn und wird immer eine Straßenbahn bleiben. Ich brauche keinen Mutmacherslogan, um mir ihren Sinn zu erschließen. Im Stadion gibt es nur das eine Bier. Und im Hauptbahnhof nur die eine Einkaufsmeile. Oder?
Warum also die coolen Sprüche, Leipzig? 
Vermutlich, weil heute jede und jeder in dieser immer noch sauschnell wachsenden Stadt das Gefühl hat, unter dauerndem Rechtfertigungsdruck zu stehen. Wie wir leben wollen wird täglich neu ausgehandelt. Wollen wir auf dem Ring Fahrrad fahren? Wollen wir Baulücken schließen – oder wollen wir sie begrünen und die Sonne hindurch scheinen lassen? Eine Straßenbahn, die Leute dazu motiviert, sich nicht aufhalten zu lassen, wirkt ein wenig lächerlich. Aber sie wirkt auch, als müsste sie ihre Existenz verteidigen.
Vielleicht ist es ja so: In Leipzig kann sich niemand mehr darauf verlassen, unersetzlich zu sein. Noch nicht mal eine Straßenbahn.
Wer daran glaubt, eben schon immer dazuzugehören, lebt ab sofort gefährlich. Das ist mir beispielsweise neulich auf der Kleinmesse aufgefallen, Leipzigs Rummel, den ich mit dem Schriftsteller Clemens Meyer besucht habe. Meyer liebt die Kleinmesse, weil sie wie aus der Zeit gefallen wirkt. Weil man dort das Leipzig von Früher besuchen kann. Es ist für ihn und viele andere eine Art Zeitreise. 
Vor einigen Monaten erklärte dann der große, sehr gegenwärtige Nachbar der Kleinmesse, der Fußballclub RB Leipzig, er wolle gern Trainingsplätze auf dem Gelände der Kleinmesse errichten. Ganz so, als würde es den Rummel nicht schon seit mehr als Hundert Jahren geben. Und RB Leipzig nicht erst seit ein paar Jährchen. Aber langer Atem ist heute offenbar nichts mehr wert. Jedenfalls nicht, wenn man nicht parallel einen Slogan plärrt, der einen im Hier und Jetzt verankert.
Zum Schluss also einige mittelmäßige Vorschläge für Leipziger Orte, die in letzter Zeit zu wenig Werbung für sich gemacht haben:
  • Cospudener See: „Hier wird noch weit raus geschwommen.“
  • Sachsenbrücke: „Wir stehen auf grau.“
  • Grünau: „Macht Euch keine Platte.“
  • Connewitzer Kreuz: „Wir. Die. Gegen-Gegend.“
  • Die Treppe vor der Albertina: „Die Pause verfestigt das Gelernte.“
Die etwas andere Ansage der LVB.
Die etwas andere Ansage der LVB.
Wo trifft Leipzig sich gerade?

Ein Geheimtipp, der keiner ist: Schrebers Biergarten.
Ein Geheimtipp, der keiner ist: Schrebers Biergarten.
Am schönsten sind Leipziger Biergärten im Frühling und im besten Fall sind sie eingerahmt von Schrebergärten. Keine Autos, viel grün, hier wird der Unterschied zum urbanen Freisitz angenehm deutlich. Und manchmal muss man dafür eine Weile rausfahren. Nicht so im Schrebers Biergarten am Stadthafen, eingeklemmt zwischen Johannapark und Arena. Ziemlich pompös ist der Schrebers, hat sogar eine Art eigenen Kirchturm. Und trotzdem fühlt man sich hier immer angenehm versteckt vor dem Trubel, der sich wenige Hundert Meter entfernt verbirgt.
Schrebers Biergarten, Aachener Str. 7, 04109 Leipzig. Geöffnet Mittwoch bis Freitag 17 Uhr bis 23 Uhr, Sonnabend 12 bis 23 Uhr, Sonntag 12 bis 20 Uhr.
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Wortmeldungen: Leipzig, Sachsen, der Osten

„Manchmal blieb ich 16 Stunden lang bei ihr.“
Der Leipziger Planespotter Mario Welz über seine Besuche des inzwischen zerstörten Flugzeugs Antonov An-225.
Alexander Moritz
Also wenn ich „Bau“ lese, muss ich nicht zuerst an das Rathaus von Dresden denken. (Kontext: Der lokale Querdenken-Organisator Marcus Fuchs tritt zur Oberbürgermeisterwahl an. Das ist sein Plakat.) #Sachsen https://t.co/jGZYHvBqdc
Etwas irritierendes Wahlplakat des Dresdner OBM-Kandidaten Marcus Fuchs.
Die Glasgow Rangers haben gegen RB Leipzig gespielt – und die sächsische Polizei war insgeheim offenbar nicht ganz unparteiisch.
Zuletzt hat mich interessiert

Während meiner Recherche zur zerstörten An-225 habe ich mich auch mit ihrem Kapitän Dmytro Antonov unterhalten. Antonov, der nur zufällig so heißt wie sein Flugzeug, hat die letzten Jahre auch damit verbracht, seinen Arbeitsalltag zu filmen und die Videos auf YouTube zu stellen. Wer noch einmal im Cockpit des größten Flugzeugs der Welt sitzen wollte, dem sei sein Kanal empfohlen.
Ende März haben Kraftklub spontan auf der Karl-Heine-Straße ein Konzert gegeben. Verpasst? Zufällig hat jemand aus dem Haus gegenüber mitgefilmt – und das Konzert in voller Länge hochgeladen. Für die ganz hartgesottenen Fans.
Am Sonnabend stehe ich auf einer Bühne in Berlin im Finale des Reporterslam. Das ist wie Poetry Slam oder Science Slam, nur eben mit Menschen aus dem Journalismus, die von ihren Recherchen erzählen. Weil ich in Dresden den sächsischen Vorentscheid gewonnen habe, darf ich nun im Finale antreten. Ausverkauft ist das immer, aktuell gibt es aber noch Karten – und einen Stream.
Vielen Dank fürs Lesen und bis in zwei Wochen,
Dein Josa
Was ist Heiterblick?

Eigentlich ein Leipziger Stadtteil, da oben im Nordosten. Dieser Newsletter handelt nicht von dem Stadtteil, er ist ein Leipzig-Newsletter. Aber ich möchte den Namen des Stadtteils neu beleben, daher borge ich ihn mir. Natürlich nicht, ohne vorher einmal nach Heiterblick gefahren zu sein – und seinen idyllischen Müllberg erklommen zu haben.
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